• Aktuelle Themen
• Tarifrunde 2013 (Länder)
• Änderungen Nds. Beamtengesetz
• Digitalisate
• Oberschule
• Neue Termine RSS-Feed

24.04.2012
Entlastung für Schulleiterinnen
und Schulleiter bringt kleine
Verbesserungenn

23.04.2012
Impulse für gute Arbeit, gleiche
Bildungschancen und starken
Sozialstaat fehlen


19.04.2012
Urheberrecht und Digitalisate:
Schulleiter werden erneut unter
Druck gesetzt


      weitere Meldungen lesen


Neues
Bezirks- und Kreisverbände
   

 

Gesamtschule in Niedersachsen


16. Januar 2008
IGS-Fieber in Schaumburg


IGS – Fieber im Landkreis Schaumburg

Die Ankündigung vom Ministerpräsidenten Christian Wulff, nach der kommenden Landtagswahl das Schulgesetz zu ändern, um neue Gesamtschulen wieder errichten zu können, löst in Niedersachsen vielfache Aktivitäten aus, besonders auch im Schaumburger Land.

1991 wurde die erste und bis jetzt auch einzige Integrierte Gesamtschule im Landkreis Schaumburg in der Kreisstadt Stadthagen eingerichtet. Der Versuch, im Jahre 2002 eine weitere Gesamtschule (KGS) in Obernkirchen einzurichten, scheiterte am politischen Willen der Mehrheitsfraktion und am Widerstand der Schaumburger Gymnasien. Nach dem Regierungswechsel im Jahre 2003 wurde von der CDU/FDP – Landesregierung das Niedersächsische Schulgesetz geändert und die Errichtung neuer Gesamtschulen ausdrücklich verboten. Im § 12 NSchG heißt es: „ Neue Gesamtschulen dürfen nicht errichtet werden“.

Die Anmeldezahlen an der IGS Schaumburg boomten seit 1991 regelrecht. Sie stiegen von 191 im Jahre 1991 auf 521 im Jahr 2007. Auffallend ist dabei, dass die Anmeldezahlen nach der Abschaffung der Orientierungsstufen deutlich gestiegen sind. Die IGS Schaumburg ist aus pädagogischen Gründen bewusst vierzügig und entsprechend gebaut worden. Im Jahre 2006 erhielt die IGS Schaumburg sogar eine eigene gymnasiale Oberstufe. Es ist zweifelsfrei so, dass das pädagogische Konzept, welches fortwährend weiterentwickelt wurde, bei den Eltern im Landkreis Schaumburg eine sehr hohe Akzeptanz genießt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Ablehnung von 409 Schülerinnen und Schülern im diesjährigen Losverfahren bei den betroffenen Eltern rege Aktivitäten hervorgerufen hat. In einer Versammlung der Eltern im Forum der IGS Schaumburg, initiiert vom IGS- Schulelternrat, wurde am 5. Juni 2007 eine Resolution „Wir fordern mehr Gesamtschulen im Schaumburger Land“ verabschiedet. Presse, Funk und Fernsehen haben über diese Veranstaltung landesweit ausführlich berichtet.

Im September 2007 kündigte Ministerpräsident Christian Wulff überraschend an, das Schulgesetz nach der kommenden Landtagswahl zu ändern, falls die CDU dazu auch den Wählerauftrag erhalten würde. Es sollen wieder neue Gesamtschulen errichtet werden können, wenn der Elternwille klar erkennbar sei und der Schulträger dies auch politisch wolle. Weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt. Wahlkampfgetöse? Die Oppositionsparteien SPD und Bündnis 90/Grüne verlangten am 17. Oktober 2007 im Landtag, das Errichtungsverbot sofort aus dem Schulgesetz zu streichen. Die Regierungsparteien von CDU und FDP lehnten dieses Begehren ab und verwiesen auf die Landtagswahl im Januar 2008. Die GEW und Gesamtschulinitiativen aus Hannover, Braunschweig und Schaumburg hatten kurz vor der Landtagsdebatte in unmittelbarer Nähe eine Kundgebung organisiert, auf der Kultusminister Busemann die ablehnende Haltung zur schnellen Schulgesetzänderung darstellte (EuW berichtete).

Die Gesamtschulinitiativen aber lassen sich nicht von dem starren Festhalten am bestehenden Errichtungsverbot für Gesamtschulen verunsichern und arbeiten intensiv und gezielt weiter. Zum Schuljahr 2008/09 wollen sie schließlich nach einer dann erfolgten Schulgesetzänderung startklar sein. Unterstützung erfahren die Initiativen auch durch die Ergebnisse einer Umfrage vom NDR –Fernsehen v. 7. November 2007. Danach findet die Neueinrichtung von Gesamtschulen in Niedersachsen eine breite Unterstützung. Rund zwei Drittel der Wahlberechtigten (64 Prozent!) sprechen sich dafür aus, dass neue Gesamtschulen wieder eingerichtet werden können. Besonders deutlich ist die Zustimmung in den Reihen der Grünen (82 Prozent) und der SPD (68 Prozent). Doch auch bei den CDU-Anhängern überwiegt die Zustimmung (53 zu 39 Prozent), selbst bei den FDP-Anhängern gibt es noch eine knappe Mehrheit (52 zu 48 Prozent).

Offenbar wusste der Ministerpräsident von der Stimmung in der Bevölkerung und hat deshalb die Errichtung weiterer Gesamtschulen signalisiert. Mit Gesamtschulen auf Stimmenfang, das ist neu in der CDU!

„IGS-Fieber in Schaumburg“ so titulierte die Schaumburger Zeitung am 9. November einen sehr ausführlichen zweiseitigen Bericht über die aktuelle schulpolitische Diskussion im Schaumburger Land. Die Entwicklung der Schülerzahlen an den einzelnen Schulformen lassen die Alarmglocken schrillen (s. auch Grafik!). Nach der Abschaffung der Orientierungsstufen boomt es an den Gymnasien, die Zahlen an den Realschulen sind rückläufig. Verlierer sind die Hauptschulen, hier können manche nicht einmal mehr eine Klasse füllen. Nur noch 9.5 Prozent aller Schaumburger Fünftklässler gehen zur Zeit zu einer Hauptschule. Die Gymnasialquote liegt bei 53,8 Prozent. Die IGS-Zahlen von 112 Schülern sind nur wegen der begrenzten Kapazität so stabil. Die Anmeldezahl von 521 in diesem Jahr überstieg die vorhandene Kapazität um das fast Fünffache. Nahezu 80 Prozent(!!!) der Bewerber mussten durch ein Losverfahren abgewiesen werden. Seit Einrichtung der IGS Schaumburg im Jahre 1991 mussten von den 5437 Bewerbern 3615 abgewiesen werden, das sind 67 Prozent. Landesweit liegt die IGS bei den Anmeldungen und den Ablehnungen mit großem Abstand an der Spitze – ein trauriger Rekord!

Das Ausbluten der Hauptschulen, die Anmelderekorde an der IGS und die völlig überfüllten Gymnasien rufen geradezu nach Veränderungen in der Schaumburger Schullandschaft. Die Ankündigung von Ministerpräsident Wulff, nach der nächsten Landtagswahl Gesamtschulen unter gewissen Bedingungen wieder zuzulassen, wirkte wie ein geöffnetes Ventil und löste vielfältige Debatten und Aktivitäten aus. Das „IGS-Fieber“ brach aus.

Im politischen Bereich und an den Schulen wurden fieberhaft Veränderungen diskutiert: Bereits vor der Ankündigung des Ministerpräsidenten hatte die Wählerinitiative „WIR für Schaumburg“ zwei weitere Integrierte Gesamtschulen zum kommenden Schuljahr gefordert. Die SPD (Unterbezirk Schaumburg) forderte weitere Gesamtschulen zum 1.8.2008. Bündnis 90/Die Grünen forderten neue Integrierte Gesamtschulen. Die CDU zeigte sich offen, favorisierte allerdings zunächst die Erweiterung der bestehenden IGS. Nach der Ankündigung machten sich die Schulzentren auf den Weg, es handelt sich hier um verbundene Haupt- und Realschulen im eher ländlichen Bereich.

Die Gesamtkonferenz der Haupt- und Realschule in Obernkirchen hat sich mit 86 Prozent für eine Gesamtschule ausgesprochen. Das Kollegium favorisiert mehrheitlich eine IGS. Die Schule hofft, dass die politische Entscheidung bald fällt. „Dann wären wir durchaus in der Lage, im Sommer 2008 zu starten“, sagte der Schulleiter gegenüber der Presse. Die Schule wird von der Politik kräftig unterstützt. „Weitere Gesamtschulen sind in Schaumburg dringend erforderlich“, sagte der Bürgermeister der Bergstadt. Der Fraktionsvorsitzende der SPD ergänzte: „Eine Gesamtschule wäre für die weitere Entwicklung unserer Stadt von erheblichem Vorteil, da hiermit auch bei potentiellen Neubürgern geworben werden könnte“. Die Stadt will sich vorbereiten, um nach dem Wegfall des Errichtungsverbotes für Gesamtschulen „ schon zum 1. August nächsten Jahres eine Gesamtschule anbieten zu können. Der Beschluss im Stadtrat wurde einstimmig gefällt. „Man hat nicht viele Chancen im Leben, diese sollten wir nutzen“, äußerte der Bürgermeister von der SPD und erhielt Zustimmung von allen Fraktionen und Gruppen.

„Das Kollegium und der Schulvorstand haben sich mit großer Mehrheit für die Umwandlung unserer Schule in eine Integrierte Gesamtschule ausgesprochen“,
erklärte die Schulleiterin der Haupt- und Realschule in Rodenberg. Die IGS habe den Vorteil, eine Schule für alle zu sein, in der gefördert und gefordert werden könne ohne dass die Schüler eines Jahrgangs aus ihren Klassenverbänden gerissen würden. Schüler würden nicht gleich auf einen Bildungsweg festgelegt. „Ich sehe meinen Einsatz für eine IGS als Verantwortung für meine Schüler“, erklärt die Schulleiterin. Eine Arbeitsgruppe hat sich bereits gebildet. „Wir stehen in den Startlöchern“, heißt es von der Schule. Die Mitglieder des Samtgemeinderates haben sich dann auch einstimmig für die Einrichtung einer Gesamtschule in Rodenberg zum 1.8.2008 ausgesprochen. „Etwa 30 Prozent aller Schüler aus dem Rodenberger Raum werden jedes Jahr für einen Besuch der IGS in Stadthagen angemeldet. Meist ohne Erfolg“, berichtete der Samtgemeindebürgermeister in der Ratssitzung.
„Eine Gesamtschule bietet „Spätzündern“ die verdiente Möglichkeit aufzuholen. Jedes Jahr, das vertan wird, ist ein verlorenes Jahr. Wir sollten diese Chance wahrnehmen, dann fällt mir ein Stein vom Herzen“, wird ein SPD-Ratsherr in der Presse zitiert. Eine Ratsfrau von WIR für Rodenberg wird in der Presse mit der Aussage zitiert „Ein Riesenvorteil einer Gesamtschule in Rodenberg entsteht zudem durch die geringeren Fahrtkosten für die Schüler“. Auch dieser Aspekt ist nicht unwichtig, er wird zunehmend bedeutsamer.

Gleich in seiner ersten Sitzung hat der neu gebildete Schulvorstand der Haupt- und Realschule Helpsen sich „ ohne Wenn und Aber“ zur Umwandlung in eine IGS bekannt. „Die Zweifel – besonders in der Eltern- und Lehrerschaft – ob das dreigliedrige Schulsystem noch eine Zukunft hat, sind gravierend“, berichtet der Schulleiter und ergänzt: „ Die Anmeldungen zur Hauptschule gehen stark zurück. Der Schulstandort muss aber für eine wohnortnahe Beschulung erhalten bleiben“, fordert der Schulleiter. Es seien keine baulichen Veränderungen notwendig und man könne zum Schuljahr 2008/09 starten. „Wenn der Landkreis
als Schulträger dem Antrag der Samtgemeinde zustimmt, beginnen wir unverzüglich mit der Entwicklung eines pädagogischen Konzepts, um es rechtzeitig vor dem neuen Schuljahr vorstellen zu können“, verspricht der Schulleiter. Der Samtgemeinderat Nienstädt hat im November einstimmig(!) beschlossen: „Das Schulzentrum Helpsen soll IGS werden“! Der Samtgemeindebürgermeister von der SPD hofft, dass „bei einer Umwandlung des Schulzentrums zur Gesamtschule auch manche Eltern-Entscheidung anders ausfällt“. Der CDU-Fraktionschef stellte zum Stichwort Gesamtschule klar: „Ich begrüße das“, und merkte zum jetzigen System an: „Man kann einem zehnjährigen Kind nicht vorschreiben, welchen Bildungsweg es wählen muss“.
Die Grünen sehen in der demographischen Entwicklung einen entscheidenden Grund, die Schulform zu wechseln sowie „weniger Selektion und mehr Integration zu betreiben.“

Auch in der Haupt- und Realschule Lindhorst steht die Gesamtschule auf der Tagesordnung. Der Schulleiter spricht sich für eine „realitätsbezogene Diskussion“ aus und möchte eine IGS-Debatte erst führen, wenn nach der Landtagswahl im Januar 2008 das Schulgesetz geändert und die Gründung neuer Gesamtschulen überhaupt möglich werde. Im Fall des Lindhorster Schulzentrums ist aus der Sicht des Rektors eine pädagogische Aufwertung nötig. So sieht es auch die örtliche CDU. „Wir müssen mit ins Boot“, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende in der Samtgemeinde Lindhorst. Mit dem „ Boot“
meint er die mittlerweile drei Bewerber (s.oben!) im Landkreis für neue Gesamtschul-Standorte. Dazu muss nach Meinung des CDU-Politikers „ auch Lindhorst gehören“. Der parteilose Samtgemeindebürgermeister verweist auf den schwächelnden Zulauf zur Hauptschule. Hier müssen im nächsten Schuljahr möglicherweise Fünft- und Sechstklässler in einer Gruppe unterrichtet werden. Die Sozialdemokraten halten die Gesamtschule für „keine schlechte Sache“.

Die aktuelle Diskussion im Landkreis Schaumburg zeigt, dass enormer Bedarf an Gesamtschulen vorhanden ist. Schulen und Räte wünschen sich vor allem Integrierte Gesamtschulen und das bereits zum 1.8.2008. Bleibt zu hoffen, dass der Landkreis als Schulträger die Antragsteller unterstützt und entsprechend beschließt. Dies hätte eine landesweite Signalwirkung.




 

 

 






   
   
 GEW Niedersachsen   •  Berliner Allee 16   •  30175 Hannover  •  Tel. 0511 - 338040  •  Fax 0511 - 3380446