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Allgemein
bildende Schulen
07.
April 2006
Gewalt an Schulen - Michael Strohschein
im Interview
"Stammtischparolen helfen nicht"
Auf den Hilferuf der Berliner Rütli-Hauptschule folgten
in Windeseile Ideen aus der Politik: "Schnupperknast" für kriminelle
Schüler, Umverteilung von Problemkindern, keine Einschulung ohne
Deutschkenntnisse lauteten nur einige der Empfehlungen. Doch wie wird
in der Praxis darüber gedacht? tagesschau.de bat die Vorschläge
in einem Interview zu bewerten.
Zur Person : Michael
Strohschein ist Vize-Vorsitzender der GEW Niedersachsen. Er
unterrichtet deutsche, kurdische, türkische, libanesische
und deutsch-russische Schülerinnen und Schüler in
den Fächern Erdkunde und Geschichte an der Hauptschule
der friesischen Kleinstadt Varel. |
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| Umverteilung der Schüler |
Die Berliner CDU hat sich für das so genannte "Bussing" ausgesprochen
- also die Verteilung von Problemkindern auf andere Bezirke.
Michael Strohschein:
Wer Städte und Schulnetze plant, sollte stärker auf eine angemessene
soziale sowie sprachliche Mischung achten und so Gettobildungen verhindern. Wie
aber Schüler aus bereits existierenden Brennpunktschulen umverteilt werden
sollten, ist mir persönlich nicht klar. Wird die Hälfte der Jugendlichen
morgens mit dem Bus abgeholt? Welche Schüler kommen stattdessen? Werden
Eltern "unproblematischer Kinder" gezwungen, ihre Sprösslinge beispielsweise
in die Rütli-Schule zu schicken? Wer legt die Kriterien fest?
Härtere Strafen
Brandenburgs Innenminister Schönbohm fordert einen "Schnupperknast" für
kriminelle Schüler, also sie für ein paar Tage in ein Erziehungsheim
oder Jugendgefängnis zu stecken. Der Lehrerverband brachte einen "Schularrest" in
die Debatte. "Es kann durchaus Sinn machen, randalierende Schüler
in der Schule festzusetzen und unter Bewachung zu stellen, statt sie
zur Belohnung auch noch nach Hause zu schicken", sagte der Vorsitzende
Josef Kraus.
Strohschein:
Durch "Schularrest" und "Schnupperknast" werden Jugendliche kriminalisiert.
Es besteht die Gefahr, dass die Anerkennung in ihrem oft problematischen
Umfeld gerade durch diese Strafen wächst und man so das Gegenteil
des Gewünschten erreicht. Dies soll aber kein Plädoyer für
Inkonsequenz sein. Für uns gilt im Alltag ganz klar das Prinzip: Keine
Toleranz für Regelverletzungen. Genau so wichtig ist der Abbau von
Diskriminierung jeglicher Art. Hier muss die Politik Rahmenbedingungen
schaffen. Schulsozialarbeit und der Einsatz zusätzlicher Lehrerinnen
und Lehrer, die türkisch oder andere relevante Fremdsprachen sprechen,
sind unabdingbare Voraussetzungen für Integration.
Deutschkenntnisse fördern und fordern:
Bayern will ab September Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen nicht
mehr einschulen, stattdessen sollen sie in Förderklassen kommen.
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Böhmer, fordert
verpflichtende Deutschtests bei der Einschulung.
Strohschein:
In der Schule müssen sich alle an Regeln halten und die Rechte
des anderen achten. Hierfür ist die Förderung von Deutschkenntnissen
vor der Einschulung ein richtiger Ansatz. Die Probleme vieler unserer Schüler
und ihrer Familien reichen jedoch weiter: Armut, Aggression, kulturelle
Differenzen. Schulen und Sozialarbeiter sollten viel enger zusammenarbeiten,
um Problemen frühzeitig zu begegnen. Dies kostet Geld.
Abschaffung der Hauptschule
Neben anderen plädierten
auch die Grünen für die Abschaffung
der Hauptschule. Diese sei für die Kinder eine Sackgasse ohne Zukunftsperspektiven.
Strohschein:
Schülerinnen und Schüler der Hauptschule werden zu immer größeren
Anstrengungen aufgefordert für einen Abschluss, der immer weniger wert ist.
Das merken sie spätestens dann, wenn sie sich um einen Ausbildungsplatz
bewerben. Nach meiner Überzeugung dürfen wir aber keinen einzigen Jugendlichen
aufgeben - jeder hat eine reelle Chance verdient. Ein Bildungssystem, das nur
auf Auslese setzt, können wir uns deshalb nicht länger erlauben. Die
spezielle Förderung Benachteiligter hat deshalb allemal eine Zukunft, die
Hauptschule als eigenständige Schulform aber immer weniger.
Fazit
Strohschein:
Meine Kolleginnen, Kollegen und ich empfinden uns als Anwälte
unserer benachteiligten Schülerinnen und Schüler. Wir bemühen
uns, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern präventiv zu arbeiten
und soziale Nachteile so gut es geht zu kompensieren. Das Engagement
an den Hauptschulen ist trotz der höchsten Belastung und Arbeitszeit
beachtlich. Da ist es außerordentlich ärgerlich, wenn Politiker
vor dem Hintergrund des dramatischen Hilferufs aus der Rütli-Schule
zu populistischen Stammtischparolen greifen, die die Integration nicht
fördern.
siehe auch:
Die Hauptschulen auflösen
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