Oktober
2005
Kultusminister
Busemann bei der GEW-Landesdelegiertenkonferenz
2005
Kein Heimspiel
Zum zweiten Mal seit dem Beginn seiner Amtszeit im Jahre 2003 sprach
Kultusminister Busemann (CDU) vor einer LDK. Schon die Ausstattung
des Congresszentrums mit einer Fülle von Plakaten (Beispiele: „Die
Gesamtkonferenz muss allzuständig bleiben“, „Bertelsmann
raus aus den Schulen“, „Aufhebung des Gesamtschulverbotes“, „Für
vier
Standorte als Abteilungen der Landesschulbehörde“) gab
einen Vorgeschmack darauf,
dass dieser Auftritt kein Heimspiel sein würde. So sah es Busemann
zu Beginn seiner Rede
auch selbst. Bei der Lektüre von EuW sei er oft „not amused“.
Dabei bezog er sich u.a. auf die Titelgeschichte der EuW - Septemberausgabe,
in der Busemann unter der Überschrift „Minister beschimpft
ältere Lehrkräfte – Politikmüll im Kopf und keinen Spaß am
Job“ scharf kritisiert worden war. Vor der LDK stellte
Busemann unmissverständlich klar, dass die niedersächsischen
Schulen und die dort arbeitenden Lehrkräfte aus seiner Sicht „solide
Arbeit leisten – und dies generationsübergreifend“.
Unterstellungen, er hätte anderes behauptet, seien haltlos: „Ich
weise sie auf das Schärfste zurück.“
Die Affäre um den „Politikmüll“ beerdigt
Mit Blick auf die Ergebnisse internationaler Schulvergleiche stellte
Busemann fest, dass „unsere Arbeit noch nicht gut genug ist,
um internationalen Standards zu genügen“. Wörtlich: „Wir
müssen deshalb gemeinsam alles dafür tun, um die Qualität der
schulischen Arbeit nachhaltig und gründlich zu verbessern.“ Der
Minister zählte in diesem Zusammenhang die Maßnahmen auf,
durch die er glaubt dies Ziel zu erreichen, u.a. die Abschaffung
der Orientierungsstufe und die stärkere angeblich begabungsgerechte
Trennung der Schulformen, die Verbesserung der Unterrichtsversorgung,
die Intensivierung der individuellen Förderung, zentrale Vergleichsarbeiten
und Abschlussprüfungen sowie die Ausweitung der Ganztagsangebote.
Nach Auffassung Busemanns werden für die Schulen „klare,
ergebnisorientierte Zielvorgaben“ gebraucht. Dies geschehe
in Form der „fachbezogenen
Bildungsstandards der KMK“.
An ihnen werden sich die zukünftigen Abschlussprüfungen orientieren.
Auf der Grundlage der Bildungsstandards werden derzeit im Ministerium „Kerncurricula“ für
die Schulen erarbeitet. Mit dem sogenannten „Orientierungsrahmen
Schulqualität in Niedersachsen“ – so Busemann – „geben
wir den Schulen, der Schulinspektion und der Schulaufsicht klare
Zielvorgaben für eine gute Schule“. Der Minister sieht
damit die Voraussetzung dafür erfüllt,
dass alle an der Qualitätsentwicklung Beteiligten „nach
einheitlichen Maßstäben“ arbeiten können.
Schulinspektion hat begonnen
Das Instrument des MK für die „systemische Kontrolle“ sei
die Schulinspektion. Sie sei zwar Teil der Schulaufsicht, aber
organisatorisch und personell von ihr getrennt. Im Rahmen der Inspektion
soll etwa die Hälfte der Lehrkräfte einer Schule im Unterricht
besucht werden. „Es
werden dabei nicht die Lehrkräfte überprüft“, betonte
Busemann. Aufgabe der Inspektion sei es, durch eine Analyse der
Stärken und Schwächen aller öffentlichen Schulen die Qualität
jeder einzelnen Schule festzustellen und den Verbesserungsbedarf
zu ermitteln. Im Zeitraum von Herbst 2005 bis zum Frühjahr 2009
sollen alle Schulen inspiziert werden. Danach erfolgen die Inspektionen
der einzelnen Schulen regelmäßig in einem Rhythmus von
etwa vier Jahren.
Alle Schulen ab August 2007 eigenverantwortlich
Ein weiterer Baustein im Rahmen der Qualitätsverbesserung ist
nach Ansicht des Kultusministers die „eigenverantwortliche“ Schule.
Busemann zeigte sich irritiert über die Meinungsbildung in der
GEW, die die „Bertelsmannisierung“ sowie die „Durchsetzung
von mehr Wirtschaftsförmigkeit“ kritisiert hatte, und verteidigte
sein Konzept. In vier Punkten fasste er den seiner Ansicht nach
bestehenden „Grundkonsens“ zusammen:
1. Die Qualitätsentwicklung sei der unverzichtbare Kernbaustein
der eigenverantwortlichen Schule
2. Die Schulleiter/innen müssen die notwendigen Befugnisse erhalten,
wenn sie die Verantwortung für die Qualitätsentwicklung tragen
sollen. Dazu gehört nach dem derzeitigen Planungsstand auch
die dienstliche Beurteilung.
3. Die Schulverfassungen sollen weiterhin einheitlich sein und
die Gesamtkonferenzen erhalten bleiben. In Verbindung mit der
gewollten Stärkung der Schulleitungen erfordere dies einen Neuzuschnitt
der Aufgaben.
4. Einen Zeitplan für die Umsetzung der übrigen von der MK-Arbeitsgruppe
vorgeschlagenen „Bausteine“ erweiterter Eigenverantwortung
gibt es nicht.
Derzeit ist die Erprobung einer erweiterten Eigenverantwortung
an 120 Modellschulen angelaufen. Busemann konnte sich hier einen
Seitenhieb auf die GEW nicht verkneifen: „Sie haben bekanntermaßen
nicht gerade hilfreiche Überzeugungsarbeit in den Schulen geleistet,
bei diesem Projekt mitzumachen.“ Aus der Unterstützung
dieser 120 Schulen durch Bertelsmann eine „Bertelsmannisierung“ herauszulesen,
halte er im Hinblick auf die Gesamtzahl von 3300 Schulen „doch
für etwas übertrieben“. Zum Zeitplan teilte der Minister
mit, dass auf dem Weg einer Novellierung des Schulgesetzes alle
Schulen zum Schuljahresbeginn 2007/2008 eigenverantwortlich sein
werden. Dabei gehe es vorerst noch nicht um die Realisierung aller „Bausteine“.
Mehr Zeit sei erforderlich für die Umsetzung der Bausteine „Öffnung
von Schule“, „Unterrichtsorganisation“ und „Budget“.
In diesem Zusammenhang erklärte der Kultusminister, dass die
Schulen professionelle
Beratung und Unterstützung benötigten. Er stellte dazu eine Verdopplung
des Fortbildungsetats in Aussicht, die allerdings vor allem für
die Schulleitungsqualifizierung gedacht ist. Für Busemann steht
auch fest, dass die Schulleitungen im Hinblick auf die Übertragung
der neuen Aufgaben auch eine Entlastung benötigen. Diese Entlastungen
sollen zum Schuljahr 2007/2008 wirksam werden. Offen blieb, wie
groß diese sein und wie sie finanziert werden sollen.
Entsprechend den Anforderungen der Verfassung blieben die Schulen
in staatlicher Verantwortung. Daher müsse eine funktionsfähige
Schulaufsicht für alle Schulformen bleiben. Für Schulen wird
künftig das „Prinzip der Subsidiarität“ gelten:
Was Schulen in eigener Verantwortung regeln können, sollen sie
auch selbst regeln. Für die Schulaufsicht bedeutet diese eine
Abkehr von der dienstlichen und Fachauf-
sicht hin zu mehr Beratung. Sie werde künftig die Schulen auf
Nachfrage in ihrer Arbeit unterstützen. Im Hinblick auf die
Aufgabenverteilung verhielten sich eigenverantwortliche Schule,
Schulaufsicht und Schulinspektion wie „kommunizierende
Röhren“.
Erhalt von Außenstellen der Landesschulbehörde ist unabdingbar
Der Minister plant die Fortentwicklung der Landesschulbehörde
zu einem „Dienstleistungszentrum“. „Außenstellen“ der
zentral organisierten Landesschulbehörde, was immer dies inhaltlich
konkret bedeutet, sollen erhalten bleiben, um z.B. bei der Stellenzuweisung
die Chancengleichheit für alle Schulen in der
Fläche zu wahren. Als „Fan einer gut funktionierenden
Personalvertretung“ legt Busemann
Wert auf die Feststellung, dass im Rahmen der Verteilung von Aufgaben
zwischen Schule und Schulaufsicht „Modelle einer Personalvertretung
mit neuer Aufgabenverteilung vor Ort wie auch in übergeordneter
Funktion entwickelt werden“. Einzelheiten erläuterte der
Minister nicht.
Der GEW-Landesvorsitzende antwortet dem Minister
Entsprechend der Regie der Landesdelegiertenkonferenz war es Aufgabe
des GEW-Landesvorsitzenden auf den Minister zu antworten. Eberhard
Brandt tat dies in Form einer engagierten und wissenschaftlich
fundierten Rede. Zunächst war es ihm wichtig, das Thema „Politikmüll“ aus
dem Weg zu räumen. „Wir nehmen Ihr Dementi ernst und
beerdigen den Politikmüll jetzt.“ Das Selbstlob des
Ministers in Sachen Lehrereinstellung und Unterrichtsversorgung
wollte er nicht stehen lassen. Zwar verkenne die GEW die finanzielle
Leistung vor dem Hintergrund der Haushaltsproblematik nicht. Doch
Busemann habe Probleme der Lehrerversorgung auch selbst verschuldet.
Durch die Abschaffung der OS und die Verteilung von Schülern
und Lehrkräfte
auf Haupt-, Realschulen und Gymnasien sowie durch das Turbo-Abitur
würden
viele Unterrichtsstunden aufgezehrt. Das Ergebnis: „Die Decke
ist zu dünn.“ Weil der
Vorrang für die nackte Erfüllung der Stundentafel vorgeschrieben
sei, gäbe es in den Schulen keinen Gestaltungsspielraum mehr.
Von Eigenverantwortlichkeit könne da keine Rede sein. Viele
für eine gute Schule notwendige Aktivitäten müssten
gestrichen werden oder würden unsinnig, z.B. Förderunterricht
und Arbeitsgemeinschaften in Klassenverbandsstärke.
Minister auf dem Holzweg
Die Schulstrukturfrage sei entgegen der Behauptung von Minister
Busemann keinesfalls erledigt. Brandt wandte den Blick nach vorn.
Angesichts der demografischen Entwicklung werde es an Schulstandorten
in der Fläche Probleme geben, das gegliederte Schulwesen auf
Dauer vorzuhalten. Es könne keine Lösung sein, einfach
Haupt- und Realschulen zu kombinieren. Vielmehr müssten alle
Bildungsgänge, also auch gymnasiale, vorgehalten werden. Das
werde dort nur mit kleinen integrativen Systemen gelingen. Brandt
forderte den Minister auf, Kommunen und Eltern zu erlauben, neuartige
Integrierte Gesamtschulen einzurichten und das ideologisch motivierte
Gründungsverbot aufzuheben.
Differenzen in der Beurteilung des Qualitätsmanagements und
der eigenverantwortlichen Schule
Niemand könne gegen die Verbesserung der Qualität der
schulischen Arbeit sein. Entgegen der Behauptung des Ministers
vom großen Konsens kritisiere die GEW, wie beim Hearing
im Sommer ausgeführt, die in Niedersachsen vorgesehenen Maßnahmen
der Output-Steuerung. Brandt forderte vom MK eine Umkehr vom derzeitigen
Kurs. Busemann könne sich für sein Konzept nicht den
Rat der Erziehungswissenschaft berufen. Die von Prof. Eckhard Klieme
vorgelegte dem Bundesbildungsministerium und der Kultusministerkonferenz
Expertise sehe schulformunabhängige Mindeststandards vor,
auf
deren Grundlage die Leistung des Schulsystems anhand von Tests
an relativ kleinen Schülergruppen untersucht werden sollten.
Die Expertise wendet sich ausdrücklich gegen Schulform bezogene
Regelstandards, die zur Grundlage der Beurteilung der Leistungen
von
Schülerinnen und Schülern genommen werden.Gerade dies
aber setze die KMK und das niedersächsische Kultusministerium
um. Die angloamerikanische Erziehungswissenschaft
sei zu der Erkenntnis gekommen, dass sich ein so konzipiertes Qualitätsmanagement
nicht zu besseren Schulleitungen geführt habe, sondern eine
stärkere Benachteiligung der ohnehin wegen ihres sozialen
oder ethnischen Status Benachteiligten bewirkt habe. Die Veröffentlichung
der Leistungsdaten der Schulen und die Wahlfreiheit für die
Eltern verursache unter den Schulen mehr Konkurrenz am Bildungsmarkt,
so dass die Elternschaft der Schulen sozial homogener werde. Der
Bildungsmarkt führe zu „sink schools“ und „star
schools“, zu Gewinnern und Verlierern. Ehemals flächendeckende
Gesamtschulsysteme
seien auf diese Weise zerstört worden.
In Niedersachsen werde durch die geplanten Maßnahmen das
gegliederte Schulsystem effektiviert und legitimiert. Lehrerinnen
und Lehrer würden durch die zentralen Schulform bezogenen
Vergleichsarbeiten und Abschussprüfungen verstärkt veranlasst
ihren Schülerinnen und Schüler einem bestimmten Begabungstypus
zuzuschreiben und damit Grenzen ihrer Lern- und Entwicklungsfähigkeit
zu definieren. Bezeichnend sei in diesem Zusammenhang, dass das
MK statt von dem Ziel der individuellen Förderung nunmehr
von begabungsgerechter individueller Förderung spreche. Die
Vorstellung von begabungsgerechten Schulformen, auf die Minister
Busemann so stolz sei, sei vormodern und alles andere als zukunftsträchtig.
Brandt nahm dann zu dem Vorwurf der „Bertelsmannisierung“ Stellung.
Viele Kollegien seien zu Recht dem Rat der GEW gefolgt,
sich nicht als Bertelsmann-Schulen zu bewerben, da das Ministerium
versäumt für die
nötige Klarheit über die Ziele und Bedingungen des Versuchs
zu sorgen. Bis jetzt sein noch kein Erlass über die Arbeit
der Bertelsmann- Schulen veröffentlicht, in dem der Rahmen
für
die Arbeit dieser Schulen festgelegt wird. Die Bertelsmann-Stiftung
versuche über dies Modell ihre Vorstellungen von Outputsteuerung
durchzusetzen. Für in Selbstevaluation ist das SEIS-Programm
in diesem Modell verbindlich vorgeschrieben. Die Bertelsmann- Stiftung
hätte das Recht, die aggregierten Daten für ihre Zwecke
zu verwenden. Aus
Sicht der GEW versuche Bertelsmann, den Fuß in die Tür
aller Schulen zu bekommen und ein Monopol für Evaluationsverfahren
zu errichten. Nach Verlautbarungen aus dem MK, sollte später
für alle Niedersächsischen Schulen dies standardisierte
Selbstevaluationsverfahren verbindlich eingeführt werden und
einen Vergleich aller Schulen ermöglichen. Wirklich eigenverantwortliche
Schulen müssten selbst entscheiden, wie sie ihre Arbeit selbst
evaluieren. Minister Busemann habe sich erfreulicher Weise inzwischen
vom Bertelsmann-Monopol distanziert.
Abschließend erläuterte der Landesvorsitzende den Beschluss
der LDK zur Eigenverantwortlichen Schule und zur Zukunft der Schulbehörden
und überreichte
ihn an den Minister. Mit der GEW könne Busemann über
die Übertragung von Aufgaben an die Schulleiterinnen und Schulleiter
reden. „Sehr deutlich unterscheiden sich unsere Auffassungen
darüber, ob Einstellungen, Abordnungen, Versetzungen, Entlassungen
und dienstliche Beurteilungen übertragen werden sollen!“ Schulleiterinnen
und Schulleiter sollen keine Dienstvorgesetzten werden. Die Frage
der Stellenbesetzungen dürfe nicht aus der Perspektive eines
großen Gymnasiums in der Landeshauptstadt betrachtet werden.
Das Ministerium müsse auch die Schulen in der Fläche
des Landes, auch die Hauptschulen im Auge haben. Für das Personalmanagement
wird nach Auffassung der
GEW eine arbeitsfähige Schulbehörde mit vier Abteilungen
gebraucht, in der schulfachliche Dezernate, Planer, Schulrechtler
und Schulpsychologen eng zusammenarbeiten. Hier sei auch der Ort
einer effektiven Mitbestimmung durch die Bezirkspersonalräte.
Nach der Meinung der Delegierten hatte der Vorsitzende „den
Ton getroffen“ und im Sinne
einer harten, aber fairen Auseinandersetzung den Kultusminister
mit der Position der GEW
konfrontiert. Der Beifall war ebenso demonstrativ wie herzlich.
Gleichwohl waren Stimmen
zu vernehmen, man hätte sich auch eine breitere Diskussion
der LDK mit Busemann vorstellen können.
JÜRGEN SONNEMANN, JOACHIM TIEMER
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