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Allgemein bildende Schulen



13. Juni 2005


Mit Lerntagebüchern das Nachdenken über das eigene Lernen fördern


Warum macht es Franziska in Naturwissenschaften Spaß, selbstständig physikalische Experimente durchzuführen? Wieso schafft es Enno nicht, den Inhalt einer Kurzgeschichte mit eigenen Worten zusammenzufassen? Was verhindert, dass Thomas den Umgang mit Termen sicher beherrscht? Schülerinnen und Schüler denken zu selten über ihr Lernen in der Schule nach. Falls dies überhaupt stattfindet, geschieht es eher zufällig. Dabei ist das Nachdenken über das eigene
Lernen ein erster Schritt zu wissen, wie man besser und selbstständiger lernen kann. Hier liegt ein Potenzial, das in der Schule noch weitgehend ungenutzt ist. Wenn ein Mensch lernt, dann konstruiert er sein Wissen. Denn Lernen ist ein aktiver Prozess: Man knüpft an das eigene Vorwissen an. Dabei spielen die individuellen Interessen, Neigungen
und Gefühle eine entscheidende Rolle.

Im "Lerntagebuch" beschreiben Schülerinnen und Schüler den eigenen Lernprozess. Für die Unterrichtspraxis sind sie ein wichtiges Instrument.

Zudem wirkt Lernen nachhaltiger, wenn es in einem für den Schüler bzw. die Schülerin wesentlichen Zusammenhang stattfindet. Durch die Reflexion des Lernprozesses – ergänzt durch Gespräche mit der Lehrkraft und den Mitschülerinnen und Mitschüler – Wissen strukturiert und in bestehendes Wissen integriert. Wenn junge Menschen in der Schule neues Wissen erwerben, dann sollte also der Lernprozess und der Lernerfolg immer Gegenstand ihrer Reflexion sein.

Die Reflexion über das Lernen in den Naturwissenschaften, in der Mathematik oder in Deutsch darf nicht die Inhalte dieser und anderer Fächer verdrängen. Wie bisher muss das Erarbeiten von Inhalten, Zusammenhänge und Methoden in den Fächern im Zentrum des Lernens in der Schule stehen, aber es wird ergänzt und bereichert durch das Reflektieren der eigenen Lernwege. Dies muss nicht in jeder Unterrichtsstunde geschehen, aber ab und zu und bei passender Gelegenheit. Deshalb sollte eine Lehrkraft immer wieder in Abständen im Unterricht Situationen herstellen, in denen die Schülerinnen und Schüler über ihr eigenes Lernen nachdenken. Ein Instrument, mit dessen Hilfe ein Schüler bzw. eine Schülerin in der Schule den eigenen Lernprozess beschreiben und erkennen kann, ist das Lerntagebuch. Es wird seit Jahren auch unter den Bezeichnungen „Reisetagebuch“ und „Lernheft“ in der Unterrichtspraxis mit Erfolg eingesetzt. Der Schüler bzw. die Schülerin notiert regelmäßig in einem Heft seine bzw. ihre individuellen Erfahrungen und Probleme während einer Unterrichtseinheit.

Hier zwei Beispiele:
Lernbucheintrag eines Grundschülers: „25.1.96 Ich habe gelernt, was eine Fläche und ein Körper ist. Peter hat mir erklärt, was Kanten sind. Der Quader hat acht Ecken und zwölf Kanten. Der Würfel hat acht Ecken und zwölf Kanten. Er besteht aus sechs Quadraten. Ich habe mit Peter ein Arbeitsblatt gelöst. Das Lösen der Aufgaben hat mir Spaß gemacht.“ Aus dem Physikunterricht der Sekundarstufe I: „Bei den Vektoren hatte ich das Aha- Erlebnis, als Sie uns vom Flussschwimmen
erzählt haben. Ich schwimme viel im Fluss. Also, dass die Strömungsgeschwindigkeit der eine Vektor ist. Und je nachdem, in welche Richtung, und wie stark dann jemand selbst schwimmt, gibt es einen zweiten Vektor, den man zum ersten in diesem Parallelogramm addiert. Wenn Physik und Mathe so anschaulich sind, verstehe ich das gut.“ Beide Beispiele zeigen, dass man in verschiedenen Jahrgangsstufen mit Lerntagebücher arbeiten kann. Folgende Fragen sollten in einem Lerntagebuch hauptsächlich beantwortet
werden:

• Was habe ich gearbeitet?
• Wie bin ich dabei vorgegangen?
• Was habe ich Neues gelernt?
• Wie habe ich mich dabei gefühlt?
• Wie bewerte ich den Verlauf des Lernprozesses?

In das Lerntagebuch können auf Wunsch eines Schülers bzw. einer Schülerin auch andere etwas hinein schreiben, z.B. die Lehrkraft oder ein Mitschüler bzw. eine Mitschülerin. Lerntagebücher geben den Schülerinnen und Schüler Raum für eigene Beobachtungen und Gedanken, tragen zur Klärung von Gedanken und Gefühlen bei, die mit dem Lernen verbunden sind, fördern die Selbstkontrolle der Arbeit und des Lernerfolgs, sind Mittel zum Erwerb von Denkstrategien und Lernhaltungen und bilden Fähigkeiten heraus, die zur eigenständigen Regulierung des Lernhandelns führen.

Den Lehrerinnen und Lehrern vermitteln Lerntagebücher einen Einblick in die individuellen Verstehensprozesse und Lernwege und Lernerfolge der ihnen anvertrauten jungen Menschen und sind Basis für die Veränderung und innere Differenzierung ihres Unterrichts. Die Inhalte der Lerntagebücher sind Ausgangspunkt für Gespräche über Lernwege und Lernprobleme und über die Qualität des Unterrichts. Nur auf Wunsch des Schülers bzw. der Schülerin sollten sie als Leistungsnachweis verwendet werden. Anfangs haben Schülerinnen und Schüler Probleme, ein Lerntagebuch zu führen. Deshalb sollte die Lehrkraft mit anspruchsloseren Vorformen einsteigen. So kann man am Ende einer Unterrichtsstunde innerhalb von fünf Minuten einen Stundenrückblick schriftlich formulieren lassen. Zu Beginn der folgenden Unterrichtsstunde werden dann freiwillig einige Berichte vorgelesen. Dadurch wird der Bezug zur letzten Stunde hergestellt. Es verblüfft, wie unterschiedlich die Schülerinnen und Schüler denselben Unterricht erlebt haben. Eine zweite Methode, Schülerinnen und Schüler an die Reflexion ihres Lernprozesses heranzuführen, sind Wochenberichte.

Alle Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe oder einzelne von ihnen formulieren einen Lernbericht für die zurückliegende Woche. Lerntagebücher sollten nur in Unterrichtsphasen eingesetzt werden, in denen genügend Freiraum besteht, die gewonnenen Einsichten auch umsetzen zu können, z.B. in offenen Formen des Unterrichts wie der Freiarbeit, der Arbeitsplanarbeit, in der Gruppenarbeit und dem Projektunterricht. Allerdings kann auch bei lehrerzentriertem Unterricht der Einsatz von Lerntagebüchern sinnvoll sein, wenn durch die Eintragungen in das Lerntagebuches ein Dialog zwischen Lehrkraft und Schreibenden entsteht und die Lehrkraft gewonnene Einsichten bei der Gestaltung des Unterrichts berücksichtigt. Durch das Lerntagebuch erlebt der junge Mensch seine Lernentwicklung als individuelle Lerngeschichte. Die Lehrkraft kann die Lerntagebücher lesen, wenn Schülerinnen und Schüler das wünschen. Denn es geht nicht um die Erbringung einer Leistung, sondern um Lernberatung. Eine Benotung eines Lerntagebuches sollte nur erfolgen, wenn dies vorher vereinbart worden ist. Denn Lerntagebücher sind als ihr privates Eigentum zu behandeln, so dass die Schülerinnen und Schüler entscheiden, was anderen mitgeteilt werden soll.

MATTHIAS FEUSER


Anmerkung
1) Konrad, K.: Wege zum selbstgesteuerten Lernen.
Vom Konzept zur Umsetzung. In: PÄDAGOGIK
5/03. S. 14 ff
2) Gallin, P./ Ruf, U.: Sprache und Mathematik in
der Grundschule. Zürich 1990
3) Winter, F.: Leistungsbewertung. Eine neue
Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit
den Schülerleistungen. Baltmannsweiler 2004. S. 261 4) Labudde, P.: Zettelwand, Plakat und Lerntagebuch. In: Lernmethoden – Lehrmethoden. Friedrich Jahresheft 1997. S. 93 5) Winter, F.: a.a.O.; S. 270 ff enthält konkrete Anregungen zur Gestaltung von Lerntagebücher.

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