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Januar 2006
Über 450 Teilnehmer bei den „Hildesheimer Pädagogischen Tagen“

„Das neoliberale U-Boot zieht das Schiff, auf dem wir leben“



Über 450 Teilnehmer kamen in diesem Jahr zu den „Hildesheimer Pädagogischen Tagen“. Das Thema lautete: „Qualitätsanforderungen und schülergerechte Schule. – Möglichkeiten und Grenzen“. Der GEW-Kreisverband Hildesheim organisierte auch in diesem Jahr wieder die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der regionalen Lehrerfortbildung, der Universität Hildesheim und dem Hildesheimer Präventionsrat.

Bildung nicht einseitig als Wirtschaftsressource betrachten

Dr. Annemarie von der Groeben, didaktische Leiterin der Bielefelder Laborschule, eröffnete die Pädagogischen Tage. Sie stellte in ihrem Grundsatzreferat die Frage: „Was schulden wir unseren Kindern und Jugendlichen?“ Dabei
analysierte sie zunächst die gegenwärtigen Rahmenbedingungen von Schule. Sie wählte dafür die Metapher: „Das kapitalistische, neoliberale U-Boot mit dem Namen ,Globalisierung‘
zieht das Schiff, auf dem wir alle leben, in eine Richtung, die weder die Mannschaft, noch die Passagiere, noch das Führungspersonal auf der Brücke beeinflussen können.“
Doch sie schränkte diese Abhängigkeit auch ein, indem sie meinte: „Obwohl wir den Kurs
nicht selbst bestimmen, wird auf unserem Schiff dennoch gespielt und gelernt. Also nehmen wir das Leben in die eigenen Hände und kämpfen gegen die Verzweiflung.“ Von der Groeben kritisierte besonders, dass Bildung einseitig als Wirtschaftsressource betrachten
würde. In Wahrheit würde aber in Zukunft immer weniger Arbeit und diese nur für eine kleine Gruppe von Höherqualifizierten zur Verfügung stehen. Viele Schulabgänger müssten darum auf ein sinnvolles Leben auch ohne Berufsperspektive vorbereitet werden. Dadurch würde sich die Bildungsfrage und die Frage nach der Aufgabe der Schule neu stellen. Durch die Neue Armut würden schon heute Kinder aus Arbeitslosenfamilien die Schule
besuchen, die nie einen regelmäßigen Lebensrhythmus mit frühem Aufstehen, zur Arbeit gehen und freien Tagen am Wochenende kennen gelernt hätten. „Sie sind häufig falsch ernährt, durch übermäßigen Fernsehkonsum und Computerspiele orientierungslos und mit traditionellen schulischen Abläufen heillos überfordert. Sie erkennen schon in der Grundschule, dass sie zu den ,Losern‘ in der Gesellschaft gehören werden.“ Scharf kritisierte die Referentin die Prozesse von Normierung und Beschleunigung, die Schulverwaltungen in wachsendem Maße implementierten. Dabei würden nur Kriterien in den Blick genommen, die messbar wären. Sie plädierte dagegen für nachhaltige Primärerfahrungen, Individualisierungen und Entschleunigungen.

Wie reformpädagogische Schulpraxis aussehen kann

Von der Groeben erläuterte an vier Beispielen – u.a. der Laborschule in Bielefeld und der Futurum Schule in Schweden –, wie eine solche reformpädagogisch orientierte Schulpraxis aussehen könne:

• frühe Einschulung
• altersgemischte Lerngruppen in den ersten Schuljahren
• Wahlsysteme für individuelle Profilbildung ab der 5. Klasse
• größere Zeitblöcke
• Abschaffung der Zensierung bis zur 9. Klasse
• kein Sitzenbleiben
• Förderung der Selbstverantwortung u.a. durch eigene Leistungsbeurteilung
• Lernen in Projekten und Ernstfallsituationen
• klare Vorstellung der Kollegien über pädagogische

Ziele
Die Referentin stellte die aus ihrer Sicht ausschlaggebende
Aufgabe der Schule so dar:
„Bildung im Unterricht bedeutet die Grundlagen der Kultur individuell und gemeinsam mit
anderen lernend zu erschließen. Und es muss gelingen, dass diese Art der Weltaneignung
den Kindern am Herzen liegt, dass sie sich darin verbeißen, dass sie sie lieben lernen.“ Und trocken fügte sie hinzu: „Kein Mensch verliebt oder verbeißt sich in Kompetenzstufen.“ Drei Dinge seien es, die als Antwort auf die Ausgangsfrage, was schulden wir unseren Kindern und Jugendlichen, gegeben werden müssten: „1. Bildung, 2. Bildung, 3. Bildung“ . Die Anwesenden zeigten sich beeindruckt von der authentischen und kongruenten Vortragsweise der Referentin, der es offensichtlich gelang, fundierte Theorie und gelebte Praxis glaubwürdig und nachvollziehbar zu verbinden.
Zum bildungspolitischen Forum im Rahmen der Pädagogischen Tage hatte die GEW das Thema „Schulinspektion“ gewählt. Dr. Jens Reißmann aus dem Kultusministerium erläuterte Aufgaben und Verfahren der Schulinspektion, die erst kürzlich als neue, eigenständige Behörde mit 60 bis 70 Inspektoren in einem Schloss in Bad Iburg von der Landesregierung
eingerichtet wurde.

Bildungspolitisches Forum zum Thema „Schulinspektion“

Als Ziele nannte Reißmann:
• Systematische Informationen sammeln über die jeweils schulspezifischen Besonderheiten und über die systemische Entwicklung des Schulwesens in Niedersachsen.
• Gezielte Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung in den Schulen implementieren, um erkannte Schwächen auszugleichen.
Reißmann wies darauf hin, dass die Schulinspektion keine Aufsichtsfunktion habe, keine
Bewertung einzelner Lehrkräfte beabsichtige, stets im Team auftreten werde und sich bewusst sei, dass immer nur ein Ausschnitt von Schulqualität überprüft werden könne.
In der von Dr. Margitta Rudolph, der Vizepräsidentin der Universität Hildesheim, mit gewohnter Souveränität moderierten Diskussion gab es eine große Zahl kritischer Fragen und Einwände. So wurde in erster Linie bemängelt, dass die Landesregierung es bisher versäumt habe, zuerst ein Unterstützungssystem aufzubauen. Darum würden die Inspektionen in erster Linie als Kontrollinstrument wahrgenommen.
Auch sei nicht klar, wie denn erkannte Mängel ohne zusätzliche Ressourcen für Fortund Weiterbildung in den Schulen aufgearbeitet werden könnten. Bezweifelt wurde in den Diskussionsbeiträgen auch, ob eine Veröffentlichung von Inspektionsergebnissen verhindert werden könnte. Damit wäre dann einem unheilvollen Schulranking Tür und Tor geöffnet.
Darüber hinaus würde – wie entsprechende Beispiele in Großbritannien zeigten – die Inspektion von Schulen oftmals zu einer reinen Showveranstaltung, die über den wahren pädagogischen Geist in einer Schule wenig aussagten.
Dr. Reißmann konstatierte denn auch methodische
Schwierigkeiten. In der Forschung sei jedenfalls deutlich geworden, dass Selbstevaluationen signifikant wirksamer seien als externe Evaluationen. Bei 15 dezentralen Workshops, Seminaren und Hospitationsmöglichkeiten im weiteren Verlauf der Hildesheimer Pädagogischen Tage waren fachspezifische Aspekte in Deutsch, Physik, Mathematik und Englisch genauso gefragt wie informelles Lernen, Training sozialer Kompetenzen, die Entfaltung von Schulkultur und die Individualisierung von Lernprozessen. Bedauerlicherweise mussten wegen der enormen Nachfrage für einige Workshops Absagen geschrieben werden.
Die traditionelle Abschlussveranstaltung der 22. Hildesheimer Pädagogischen Tage war für
Guinness- und Irland-Fans wieder ein besonderer Leckerbissen. Die Gruppe „Old Mountain
Dew“ mit Leadsänger und GEW-Mitglied Klaus Peinemann spielte die beliebten Irish-
Folk-Hits mit professionellem Engagement und Können. Das Publikum in der gut besuchten
Bischofsmühle in Hildesheim war begeistert und ließ die Gruppe erst nach mehreren
Zugaben von der Bühne. PETER THON

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