Dezember
2005
Bertelsmann
und Bildungsstifter
Die
Privatisierung der Bildungspolitik
Von Thomas Barth und Oliver Schöller
Vom Monetarismus über Reagonomics und Thatcherismus dominieren
seit bald drei Jahrzehnten Schattierungen des Neoliberalismus die
westliche Wirtschafts- und Finanzpolitik. Privatisierung ist ihr
Schlachtruf,die Senkung der Staatsquote ihr Programm.Mit allen
Mitteln wird die Umleitung von möglichst viel Geld in die
Kassen der Privatwirtschaft betrieben.
Dabei ist die zugrunde liegende Ideologie weder liberal noch neu.
Vielmehr werden die Errungenschaften sozialer und demokratischer
Bewegungen im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich als bürokratisch
und traditionalistisch oder neuerdings auch gerne als alteuropäisch
diffamiert. Aushöhlung und Abbau von sozialen und Freiheitsrechten
werden seit Jahrzehnten mit der gewaltigen Propagandamacht der
Medienindustrie als „Reformen“ angepriesen. Neue Ideen
sucht man bei den neoliberalen Ideologen zwar meist vergeblich,
aber sie verfügen über etwas anderes: Geld, sehr viel
Geld. Schließlich stehen gewaltige, durch ihre eigene Politik
ständig anwachsende Finanzmittel der Privatwirtschaft hinter
ihnen.
Die privatwirtschaftlichen Massenmedien blasen bereits ganz überwiegend
ins neoliberale Horn. Profis aus PR und Werbung werden zusätzlich
mit Millionenbeträgen für Kampagnen angeheuert,etwa für
die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft “, hinter
der bekanntlich nicht besorgte Bürgerinnen und Bürger,
sondern der Arbeitgeberverband Gesamtmetall steckt.
Im Bereich Bildung und Wissenschaft tritt jedoch zusätzlich
eine scheinbar seriösere Spezies auf den Plan: die Stifter.
Unter Führung der Bertelsmann-Stiftung ist es diesen gelungen,
Bildungspolitik bis in gewerkschaftliche und rot-grüne Diskurse
hinein auf die Linie des Neoliberalismus zu bringen.
Die Bertelsmann-Stiftung ist die Unternehmensstiftung des Bertelsmann-Konzerns,des
größten Medien-Multis Europas und des fünftgrößten
weltweit. Im Zuge der globalen Konzentrationsprozesse der 80er
und 90er Jahre konnte er sich weltweit gut behaupten. Neben vielen
kleineren Buchverlagen gehört ihm im Printbereich der Weltmarktführer
Randomhouse, der Bertelsmann-Buchclub mit weltweit 25 Millionen
Mitgliedern sowie Gruner + Jahr, der größte Zeitschriftenverlag
Europas mit 120 Blättern. Im Bereich Entertainment gehören
dem Unternehmen rund 200 Musik-Labels, dazu kommen 18 Radio-und
22 Fernseh-Sender, darunter die RTL-Gruppe. Den Aufführungsrechtehandel
kontrolliert Bertelsmann global in 140 Ländern. Abgerundet
wird das Medienimperium durch Immobilienhandel, die Bertelsmann
International Finance Limited sowie ein Finanzinstitut im Steuerparadies
Curaçao (Antillen). Der letzte große Coup war im Juli
2004 die Fusion der Bertelsmann Music Group mit Sony Music zum
nun zweitgrößten Musik-Konzern weltweit. Von 1980 bis
heute hat sich die Zahl der Bertelsmann-Mitarbeiter von 45.000
auf 82.000 nahezu verdoppelt, der Gesamtumsatz von 6,5 auf über
20 Mrd. Euro verdreifacht (davon 70 Prozent im Ausland).
1977 wurde vom heutigen Unternehmenspatriarchen Reinhard Mohn die
Bertelsmann-Stiftung gegründet. Ihr wurden 1993 ca. 70 Prozent
des Konzern-Gesamtkapitals übertragen. Neben dem Streben nach
gesellschaftlicher Einflussnahme dürfte ein Motiv darin bestehen,
dass auf diese Weise erzielte Steuerersparnisse die Stiftungsausgaben
deutlich übersteigen. Schon vor diesem Hintergrund kann es überraschen,
wenn die Stiftung sich selbst als „unabhängig“ bezeichnet.
Bei der Bertelsmann-Stiftung handelt es sich mittlerweile um die
größte operative Unternehmensstiftung in Deutschland.
Sie verfügt über einen Jahresetat von 65 Mio. Euro sowie über
300 Mitarbeiter, die mehr als 100 Projekte betreuen. Dabei orientiert
sich die Stiftung explizit an den US-amerikanischen Think-Tanks.
Ihre Tätigkeitsfelder erstrecken sich auf Wirtschaft, Medien,
Kultur, Politik und Bildung.
Im Bildungs- und Kulturbereich zielt die Strategie Bertelsmanns
auf eine weiträumige Kommerzialisierung von Wissenschaft und
Bildung – nicht zuletzt deshalb, weil der Medienkonzern sich
hier neue Märkte erschließen könnte. An den Hochschulen
ist dabei insbesondere die Einführung von Studiengebühren
von Bedeutung, weil nur Gebühren diesen Bereich für private
Investoren lukrativ machen können. Doch auch die einfache
Schulbildung liegt im Blickfeld des Konzerns und seiner Stiftung.
Gemäß dem strategisch angewendeten Public-Private-Partnership-Modell
sollen sich dabei privat finanzierte Institutionen durch Kooperation
mit öffentlichen Gremien Renommee und Einfluss sichern. Den
Anfang machte 1992 die Bildungskommission NRW, die ihren Bericht
1995 präsentierte. Das Gremium bestand aus Politikern, Hochschullehrern
sowie Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern.
Als Leitbild entwickelte die NRW-Kommission das „Haus des
Lernens“, um die bisher geschlossene Bildungsanstalt durch
offene Bildungsorganisation zu ersetzen. Kooperatives Lernen in
sozialen Erfahrungsräumen sollte zu lebenslangem Lernen befähigen,
zentralistisch organisierte staatliche Regelungsmechanismen sollten
durch demokratische Partizipationsmöglichkeiten ergänzt
werden. Der Einzelschule müsse dafür ein rechtlich gesicherter
Handlungsspielraum gewährt werden, innerhalb dessen sich alle
Beteiligten freier bewegen können. Zwecks Steigerung der Eigenverantwortung
der Einzelschule befürwortet der Kommissionsbericht die Umstellung
auf ein Pauschalfinanzierungskonzept. Im Rahmen eines Pauschalbudgets
soll es erlaubt sein, schulspezifische Akzente der Finanzierung
und Bewirtschaftung zu setzen. Dieses erste Modell erteilte der
Marktsteuerung finanzieller Ressourcen im Bildungssystem noch kein
grünes Licht. Gleichwohl wurde der Ist-Zustand der öffentlichen
Bildungsausgaben auf eine Weise beschrieben, die zukünftig
effizientere Organisationsformen der Bewirtschaftung verlangt.
Die Akteure vor Ort sollen eine Binnenoptimierung des finanziellen
Mitteleinsatzes (Sach- oder Personalmittel) nach Bedarf vornehmen.
Darüber hinaus soll ein Wettbewerb der Schulen um zusätzliche öffentliche
Gelder eines regionalen Entwicklungsfonds angeregt werden. Die
Erschließung auch privater Mittel durch Sponsoring oder den
Verkauf eigener Leistungen auf dem Bildungsmarkt wird ausdrücklich
empfohlen. Durch ein Controlling-und Berichtswesen wollte die Kommission
Finanzierungs- und Kostenbewusstsein etablieren, um das derzeitige
kameralistische System durch ein System der Kosten-Leistungsrechnung
zu ersetzen.
Auf diese Weise bedeutete die unter der Ägide der Bertelsmann-Stiftung
entwickelte Schulpolitik die Invasion der Kennziffern im Schulalltag. Über
900 verschiedene Kennwerte wurden inzwischen gezählt, die
in Projekten wie „Schule & Co “ (NRW) erprobt wurden.
Dies kann als regionale Variante der ebenfalls von Bertelsmann
geförderten Lissabon-Strategie der EU gelten, die Ranking-und
Best-Practice-Verfahren aus der Industrie in der Bildung implementieren
will, ungeachtet der Frage,ob Bildungsprozesse sich ebenso wie
Stückgutkosten messen lassen, und ganz abgesehen davon, ob
dies, falls möglich, überhaupt erstrebenswert ist.
Demokratische Entscheidungsfindung und offene Diskussion werden
in diesem Bildungsmodell durch Steuerungsverfahren aus der neueren
Betriebswirtschaftslehre ersetzt. Überzuckert mit dynamischen
Marketing- Anglizismen, verbergen sich hinter angeblicher Partizipation
Ideen aus dem Betriebswirtschafts-Fach Controlling. Früher
sprach man prosaischer von Rechnungswesen/Interne Revision, meinte
aber dasselbe: die innerbetriebliche Steuerung und Kontrolle von
Produktionsprozessen. Diese erfolgt mittels Nutzwertanalyse, Erfolgsrechnung,
Budgetierung, Profit Center und Kennzahlen für alles und jeden.
Die Übertragung der Weisheiten der Betriebswirtschaftslehre
auf alle gesellschaftlichen Bereiche ist zentraler Missionsauftrag
der Bertelsmann-Stiftung, das Maß aller Dinge sind Effizienz
und Kosten. Keineswegs zufällig diskutiert man weniger über
Bildung als über Bildungsfinanzierung.
Wo unmittelbare finanzielle Bewertung scheitert, werden zuweilen
sogar die Betroffenen selbst gefragt: Umfragen, Rankings und Ratings
sollen den Segen des Wettbewerbs in Bildung und Wissenschaft bringen.
Das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht, schließlich
werden wir alle gern nach unserer Meinung gefragt. Doch ist diese
Beteiligung nicht unbedingt ein Zeichen für demokratische
Partizipation, denn den Rahmen der Teilnahme legen Technokraten
in einem vorzugsweise von Bertelsmann gesponserten Hinterzimmer
fest. Und der Rahmen bestimmt, was wir bewerten dürfen, worüber
wir befragt werden und welche Alternativen uns bleiben. Die Publikation
der Ergebnisse, so diese genehm ausfallen, übernehmen ebenjene
Technokraten, gern auch in Massenmedien des Bertelsmann-Konzerns.
Mit Hilfe der Umfragen, Rankings und Ratings werden anschließend
Politiker, demokratische Institutionen und im Zweifelsfall auch
die eben noch Befragten selbst unter Druck gesetzt, meist im Sinne
der Ideen aus dem Hause Bertelsmann: Effizienz, Wettbewerb, Kommerz.
Die Verbindung der Bertelsmann-Stiftung mit den mehrheitlich konservativen
Hochschulrektoren und dem „Stifterverband“ der Privatwirtschaft
kann nicht verwundern, ihre Beziehung zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung
und zur Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen spricht dagegen
für eine subtile Bündnistaktik.
Als eine Gewerkschaftsinitiative konstituierte sich 1997 der Sachverständigenrat
Bildung der Hans-Böckler-Stiftung. Vorsitzender wurde Ex-GEW-Chef
Dieter Wunder,der auch im „Initiativkreis Bildung“ der
Bertelsmann-Stiftung tätig ist. Dazu gesellten sich Sybille
Volkholz, ehemals bildungspolitische Sprecherin der Berliner Grünen,
später Vorsitzende der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung,
sowie die dem CHE und Stifterverband nahe stehenden Professoren
Klaus Klemm und Jürgen Lüthje. Im Oktober 1998 legte
der Sachverständigenrat einen Vorschlag zur Bildungsfinanzierung
vor, der Bildungskonten, Bildungsgutscheine, Bildungssparen sowie
Bildungsdarlehen mit einer staatlichen Sockelfinanzierung kombiniert.
Dieses Modell ist nicht auf die Hochschule beschränkt, sondern
soll schon nach der Pflichtschulzeit, also ab Sekundarstufe I,
gelten. Auch die gymnasialen Oberstufe würde dann teilweise über
private Bildungskonten finanziert.
Kurz nach der Veröffentlichung fand sich Dieter Wunder in
der Bildungskommission der grünen Heinrich-Böll-Stiftung
wieder, zusammen mit Cornelia Stern von Bertelsmann. Im März
2001 legte dann auch die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung
ihre Vorschläge vor. Die Notwendigkeit einer individuellen
Finanzierung durch die Bildungsnachfrager wird von der Kommission
mit den Anforderungen der Wissens- und Zivilgesellschaft begründet.
Ein Prinzip angeblicher Nachhaltigkeit stützt sich explizit
auf das Prinzip „Geld folgt Subjekten“, wie es von
Stifterverband und CHE entwickelt wurde. Indem zukünftig den
Bildungsnachfragern öffentliche Mittel zur Verfügung
gestellt werden sollen, die vorher den Bildungseinrichtungen direkt
zukamen, würde ihr individueller Kundenstatus gestärkt
und ein Wettbewerb der Bildungsinstitutionen forciert. Bildungskonten,
-sparen,
-darlehen und -gutscheine finden sich auch hier und sollen, wie
schon bei der Böckler-Stiftung, künftig auf das gesamte
Bildungssystem auszuweiten sein.
Die hier vorgestellten, den aktuellen Bildungsdiskurs bestimmenden
Vorschläge zur Bildungsfinanzierung stimmen weitgehend überein.
Sie wollen die staatlich garantierte individuelle Kostenfreiheit
im Bereich der institutionellen Finanzierung zu Gunsten eines privaten
Beitragsmodells aufweichen. Am weitesten geht dabei seltsamerweise
der Sachverständigenrat der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung.
Ihm folgend würde die individuelle Kostenfreiheit schon ab
Sekundarstufe II, das heißt für die gymnasiale Oberstufe,
aufgehoben und durch eine zehnprozentige Eigenbeteiligung ergänzt.
Im Hochschulbereich soll die Eigenbeteiligung auf 30 Prozent gesteigert
werden. Schließlich soll das Modell der Eigenbeteiligung
auf den Primar- und Sekundarbereich ausgedehnt werden, sobald auch
in diesen Bildungssegmenten Marktbedingungen etabliert sind. Sowohl
der „Initiativkreis Bildung“ der Bertelsmann-Stiftung
als auch der Stifterverband der Privatwirtschaft und das CHE propagieren,
neben der privaten Teilfinanzierung über Bildungskonten, die
Einführung von Studiengebühren.
Zehn Jahre Lobbyarbeit zur Bildungsfinanzierung schlugen schließlich
durch bis zur rot-grünen Bundesregierung. 2001 berief Bundesministerin
Edelgard Bulmahn (SPD) eine Expertenkommission „Finanzierung
Lebenslangen Lernens“ ein. Der Schlussbericht erschien 2004
und stellt nur einen weiteren, diesmal bundespolitischen Aufguss
der Bertelsmann-inspirierten Kommissionsberichte dar. Damit hat
sich letztlich auch dort ein von ökonomischer Rhetorik geprägter
Bildungsdiskurs durchgesetzt, der einen weitreichenden, auf private
Finanzierungsbeiträge abzielenden Umbau des Bildungssystems
propagiert. Die Verschiebungen des bildungspolitischen Diskurses
zu Gunsten betriebswirtschaftlicher Konzepte sind das Ergebnis
zivilgesellschaftlicher Aktivitäten stiftungsförmiger
Think-Tanks. Die Bertelsmann-Stiftung steigert ihre gesellschaftliche
Definitionsmacht, indem sie andere Stiftungen als Sprachrohr für
die eigenen programmatischen Ziele nutzt. Die einzelnen Bildungskommissionen
transportieren identische Konzepte in unterschiedlichen Dialekten.
So sprechen die Bertelsmann-Stiftung und das CHE in einem Jargon
der Wirtschaftlichkeit von ökonomisch effizienter Bildung.
Die Hans-Böckler-Stiftung propagiert in gewerkschaftlicher
Rhetorik dieselben Konzepte als sozial gerecht. Schließlich
preist die Heinrich-Böll-Stiftung ihrem grünen Publikum
die Einführung privater Finanzierungskonzepte als nachhaltige
Bildung an.
Bedenklicher wird die so ausgeübte Diskursmacht noch, wenn
man sie im Kontext der gewaltigen Medienmacht des Bertelsmann-Konzerns
sieht. Die Spezialisierung des Konzerns auf ursprünglich liberale,
wissenschaftliche und kritische Printmedien führt zum Ausschluss
von Bertelsmann-Kritikern aus dem Medien-Dispositiv.
Mit der Kommerzialisierung des Bildungssystems vollzieht sich dessen
Entdemokratisierung. Faktisch ist die Herstellung ökonomisch
autonomer Bildungseinrichtungen, die über ihren Haushalt selbst
bestimmen, mit der Reduzierung von Mitspracherechten der Mitarbeiter
verbunden. Die Steuerung durch Globalhaushalte ermöglicht
es Vorgesetzten, Sparmaßnahmen zu legitimieren und wirkt
dabei als „Transmissionsriemen für die Verschärfung
von Einkommensungleichheit“. Die angebliche Bewältigung
gesellschaftlichen Wandels und pluralisierter Lebensformen durch
die vorgeschlagene Privatisierung ist wenig plausibel,da als dogmatische
Basis immer wieder die leeren Staatskassen, mithin die Ideologie
des Neoliberalismus nebst Senkung von Staats- und Lohnquote, herhalten
muss. Alternativen werden ebenso verschwiegen wie evidente Schattenseiten:
dass zwar die individuellen Handlungsspielräume wachsen, aber
auch Vereinzelung und Entsolidarisierung, dass zwar zentralistische
Steuerung gelockert, aber dafür die Überwachung der individuellen
Entscheidungen dank der Prinzipien des Controllings zunehmen wird.
Die nationalen und internationalen Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung
umfassen mittlerweile so vielfältige institutionelle Kooperationen
und personelle Verflechtungen, dass sie kaum noch zu überschauen
sind. So gibt es heute kein Bundesland mehr, in dem die Bertelsmann-Stiftung
bildungspolitisch nicht präsent ist. Auf internationaler Ebene
agiert der Konzern über die Beteiligung am „European
Round Table of Industrialists“ (ERT) bis hinauf in die WTO-Verhandlungen.
Hauptziel des ERT ist es, Europapolitik als europäische Industrie-
und Wettbewerbspolitik zu formulieren; eine so genannte Hochschulreform
bezweckt, Bildung und Wissenschaft zum Teilbereich der Industriepolitik
zu degradieren. Die Errungenschaften des Sozialstaates werden im
Zuge der Privatisierungskampagne erneut als bürokratisch,
traditionalistisch oder alteuropäisch diffamiert.
Erstaunlicherweise bedient man sich dabei im Bildungsbereich einer
Institution, wie sie bürokratischer, alteuropäischer
und traditionalistischer kaum vorstellbar wäre: der Unternehmensstiftung.
Bertelsmann hat gezeigt, dass auch rote und grüne Bildungspolitik
dem Lockruf der Stifter nicht widerstehen kann. Wenn die paternalistische
Bevormundung nur subtil genug tönt, wenn der Medienmogul durch
ein Dickicht von Kommissionen und Stiftungen flüstert, dann
besiegt der „Sachverstand“ die Vernunft. Die aber besagt,
dass demokratische Partizipation sich nicht mit Marketingmethoden
von Rating und Ranking umsetzten lässt, und dass menschliche
Lernprozesse sich nicht wie Stückgutkosten mittels betriebswirtschaftlichen
Controllings messen lassen. Stattdessen bedürfen Bildung und
Wissenschaft an Stelle einer Ideologie purer Effizienz einer Besinnung
auf ethische Grundlagen. Ethik vor Effizienz – wo ist heute
die Stiftung, die dieses Motto mit einer den Bertelsmännern
ebenbürtigen Überzeugungskraft vertritt?
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