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Allgemein bildende Schulen
20.
Dezember 2006 Von Waltraud Cornelißen Jungen verlassen die Schule häufiger als Mädchen ganz ohne Abschluss. Sie erzielen häufiger als Mädchen nur einen Hauptschulabschluss und seltener als Mädchen einen mittleren Schulabschluss oder eine allgemeine Hochschulreife. Während 2004 32% der Schulabgängerinnen die allgemeine Hochschulreife erzielten, galt dies nur für 24% der Schulabgänger. Die Studierbereitschaft der jungen Männer mit Hochschulreife ist allerdings höher als die der gleich qualifizierten jungen Frauen ( vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006: 73 und 103). Die Defizite der Jungen Jungen entwickeln sich schon vor der Schulzeit etwas langsamer als Mädchen. Sie sind später als Mädchen schulreif (vgl.Stürzer 2005: 26). Jungen müssen auch häufiger als Mädchen eine Schulklasse wiederholen (vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006: 55). Jungen besuchen sehr viel häufiger als Mädchen eine Sonderschule. 2003 waren zum Beispiel 63% der Schüler an Schulen für Lernbehinderte Jungen (vgl. Michel/Häußler-Szcepan 2005: 525). In den ostdeutschen Bundesländern ist der Vorsprung der Mädchen gemessen an ihren Schulabschlüssen noch ausgeprägter als in den westdeutschen Bundesländern (vgl. Stürzer 2005: 38). Dass die Schule in Deutschland Jungen vor allem im sprachlichen Bereich nicht auf den Leistungsstand der Mädchen bringt, machte sowohl die internationale Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU) als auch die PISA-Leistungsstudie mit 15Jährigen deutlich (vgl. Bos u.a. 2003 und Stanat/Kunter 2001). Mädchen verstehen geschriebene Texte im Durchschnitt besser und können die Texte häufiger zur Lösung von gestellten Aufgaben nutzen (vgl. Stanat/Kunter 2001). Die PISA-Studie zeigte auch die erwarteten Leistungsschwächen von Mädchen im mathematischen Bereich. Der Rückstand der Mädchen war hier allerdings viel geringer als ihr Vorsprung gegenüber Jungen im sprachlichen Bereich. In der naturwissenschaftlichen Grundbildung fanden sich in der PISA-Studie keine signifikanten Leistungsdifferenzen zwischen Mädchen und Jungen (ebenda). Trotz ihrer ungünstigen Schulleistungsbilanz trauen sich Jungen in der Schule mehr zu und halten sich für klüger (vgl. Horstkemper 1987 und Milhoffer 2000). Aber sie halten sich für klüger Viele Studien zeigen, dass Jungen eine höchst heterogene Leistungsgruppe bilden: Unter Jungen sind mehr Personen mit extrem hoher und solche mit extrem niedriger Intelligenz als unter Mädchen (vgl. Breitenbach 2006). Bei den mathematischen Fähigkeiten basierten die Leistungsvorsprünge der Jungen in der PISA-Studie vor allem auf den Leistungen einer Spitzengruppe von Jungen. In den mittleren Leistungsstufen waren Jungen und Mädchen gleich stark vertreten. Im unteren Leistungsspektrum fanden sich entgegen der gängigen Erwartung auch bei den mathematischen Leistungen Jungen signifikant häufiger als Mädchen. Jungen verfügen nicht durchweg über eine schlechtere Lesekompetenz als Mädchen. Diejenigen Jungen, die gerne lesen, können Texte nicht schlechter verstehen als Mädchen (vgl. Stanat/Kunter 2001). Insgesamt gibt es neben leistungsschwachen Jungen auch ausgesprochen leistungsstarke. Von „der Jungenkatastrophe“ (vgl. Beuster 2006) zu sprechen, scheint deshalb unangebracht. Fehlen die männlichen Bezugspersonen? Gelegentlich wird gemutmaßt, dass das im Durchschnitt schlechtere Abschneiden von Jungen in der Schule auf einer unfairen Bewertung von Lehrerinnen beruht oder darauf, dass den Jungen in der Schule die männlichen Bezugspersonen fehlen (vgl. Diefenbach/Klein 2001). Als Erklärung für eine möglicherweise schlechtere Förderung von Jungen kommt auch in Betracht, dass leistungsschwache Jungen häufiger als leistungsschwache Mädchen verhaltensauffällig werden und diese Jungen damit das Maß des für Lehrkräfte und Unterricht „Zuträglichen“ schneller überschreiten. Damit erklärt Schröder zum Beispiel, dass Jungen seit Jahrzehnten an Schulen für Lernbehinderte erheblich überrepräsentiert sind, dort aber im Durchschnitt höhere Intelligenzwerte aufweisen als Mädchen (vgl. Schröder 2000: 104). Erklärungen für die häufigeren Verhaltensauffälligkeiten von Jungen beziehen sich auf die besonderen Umstände der frühkindlichen Entwicklung von Jungen. So wird zum Beispiel die Tatsache, dass die erste Bezugsperson meist eine Frau ist, als Risikofaktor für die Entwicklung von Jungen gesehen, müssen sie sich doch – so die These – von dieser Person abgrenzen, um ihre (männliche) Identität finden zu können. Auf der Suche nach männlichen Vorbildern gewinnen für Jungen dann, weil konkrete männliche Vorbilder fehlen, Medienbilder eine besondere, und oft problematische Bedeutung: Die medial vermittelten Jungen- und Männerbilder (Abenteurer, Raufbold, Krieger, Held, jemand, der sich nichts sagen lässt) stehen im Widerspruch zu den Anforderungen in der Schule: Nachdenken, Disziplin, schlüssige Argumentation, sprachlicher Ausdruck, Anpassungsbereitschaft und Fleiß. Die Bedeutung des Schönschreibens Gelegentlich wird als Ursache für die Leistungsdefizite der Jungen auch die große Bedeutung der sprachlichen Vermittlung und des „schönen“ Schreibens im Unterricht genannt. Dabei wird der Schule der Vorwurf gemacht, sie vernachlässige nicht-sprachliche Formen der Vermittlung, werte darüber hinaus den anderen (derberen) Wortschatz von Jungen ab, überziehe Anforderungen an die sprachliche Gewandtheit und die Feinmotorik der Kinder beim Schreiben und trage so zu einem Motivationsverlust von Jungen bei. Damit kann man dann wiederum erklären, warum sich Jungen häufiger als Mädchen innerlich von der Schule verabschieden, häufiger die Schule schwänzen und schlechtere Leistungen erbringen (vgl. Schreiber-Kittl/Schröpfer 2002). Als Erklärungen für die vielfach schlechteren Schulleistungen von Jungen kommen auch genetische Einflüsse in Betracht. So wird immer wieder auf die kompliziertere Embryonalentwicklung von Jungen und auf die Tatsache hingewiesen, dass mehr Jungen als Mädchen mit einer Behinderung geboren werden. Auch nach der Geburt entwickeln sich Jungen langsamer als Mädchen. Sie besuchen also als Gleichaltrige die Schule von Beginn an mit im Durchschnitt schlechteren Voraussetzungen (vgl. Oerter 1995). Im Rollenkonflikt Die Situation vieler Jungen verschärft sich noch dadurch, dass die mit traditionellen Männlichkeitsbildern verknüpften Überlegenheitsphantasien mit ihrer (unterlegenen) Rolle als Lernende kollidiert, noch dazu als Lernende mit oft schlechteren Leistungen. Die traditionellen Männlichkeitsbilder sind oft in sozial benachteiligten Milieus noch besonders fest verankert. Sie legen leistungsschwachen Schülern nahe, schulische Autorität abzulehnen und sich gegen Mitschülerinnen und weibliche Lehrkräfte chauvinistisch abzugrenzen. Sie machen es leistungsschwachen Jungen schwer, Lernschwierigkeiten einzugestehen, Lehrerinnen als Autoritäten anzuerkennen und diese um Hilfe zu bitten. Solche Selbstausgrenzung gehört mit zu den Risiken einer betont männlichen Sozialisation unter prekären Rahmenbedingungen (Moser u.a. 2006). Neigung zur Selbstausgrenzung Jungen sind in der Schule m. E. nicht per se benachteiligt. Paart sich bei Jungen aber eine Leistungsschwäche mit Dominanzansprüchen, dann tut sich die Schule schwer, diesen Jungen eine Hilfestellung anzubieten, die sie akzeptieren. Vermutlich erfordert es sehr viel pädagogisches Geschick, diese Jungen zu neuen Lernanstrengungen zu motivieren und sie davon abzuhalten, sich gegen die Schule statt im Unterricht duch Leistung zu profilieren. Darin, dass Lehrer und Lehrerinnen auf diese Aufgabe vielfach nicht genügend vorbereitet sind und der Schulalltag für „schwierige“ Schüler (und Schülerinnen) zu wenig Zeit bietet, kann man eine Benachteiligung der Jungen sehen. Auch könnte zugunsten von Jungen über mehr Bewegung im Schulalltag und weniger Ansprüche an die Feinmotorik von Schülern nachgedacht werden. Dass Deutschland als moderne Dienstleistungsgesellschaft allerdings viele junge Menschen braucht, die ihr eigenes Wissen überzeugend präsentieren können und mit anderen Menschen verständnisvoll kommunizieren können, steht außer Zweifel. Die Anforderungen an die Ausdrucksfähigkeit der jungen Generation kann deshalb meines Erachtens nicht reduziert werden. Vielleicht müssen neue Formen der Sprachförderung gefunden werden, die an einen teilweise sehr begrenzten Wortschatz auch bei deutschen Kindern anknüpfen. Viele Leistungs- und Motivationsprobleme könnten meines Erachtens
durch Beratung und Supervision für Lehrerkollegien und mehr Einzelfallberatung
für Schüler, betroffene Lehrer und Eltern gemindert werden.
Im Ergebnis sollte den Jungen ermöglicht werden, sich von Männlichkeitsbildern
zu lösen, mit deren Ansprüchen sie sich selbst überfordern.
Notwendig wäre auf Seiten der Lehrer und der Eltern eine Wertschätzung
auch der „schwierigen“ Jungen als Kinder und als junge
Menschen, denen eine Marginalisierung auf dem Weg in das Erwachsenen
leben nach Möglichkeit erspart werden sollte. Quellen:
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