20.
März 2006
Zum Unterrichtsfach „Politik-Wirtschaft“,
oder:
Wird die Politische Bildung klammheimlich abgeschafft?
Von Dirk Lange
Im vergangenen Jahr wurde das gymnasiale Unterrichtsfach
der Politischen Bildung umbenannt. Durch die Umbenennung sollten die
Forderungen nach einem eigenständigen Unterrichtsfach Wirtschaft abgewehrt und
angezeigt werden, dass das wirtschaftliche Lernfeld im Kontext der
Politischen Bildung berücksichtigt wird. Inzwischen hat das Kultusministerium
im September 2005 Arbeits- und im Januar 2006 Anhörfassungen eines
Kerncurriculums für das Unterrichtsfach „Politik-Wirtschaft“ in
den Schuljahrgängen 8 bis 10 des Gymnasiums veröffentlicht.
Die vorläufigen Schriftstücke dieses fachlichen „Zweiklangs“ lassen
befürchten, dass sich in der niedersächsischen Bildungspolitik
ein heimlicher Paradigmenwechsel vollzieht, in dem die Politische Bildung
sukzessive durch die ökonomische Bildung ersetzt wird. Neben der Ökonomisierung
des Unterrichtsfaches ist eine Privatisierung der Politischen Bildung
festzustellen.
Bislang ist die Politische Bildung mit ihren Zielsetzungen, Trägern,
Programmen und Methoden fest in der niedersächsischen Bildungslandschaft
verankert. 60 Jahre Politische Bildung in Niedersachsen stellen eine
Erfolgsgeschichte dar. Das politische Bewusstsein der Bürgerinnen
und Bürger befindet sich auf einem reflektierten Niveau und die
demokratischen Grundhaltungen erscheinen gefestigt. Hat sich die Politische
Bildung dadurch ihres eigenen Auftrags beraubt? Fehlt es ihr in der
institutionell und kulturell verfassten Demokratie an Legitimation?
Wohl kaum. Die Politische Bildung kennt keinen Endzustand. Sie stellt
notwendigerweise einen unabgeschlossenen Prozess dar, in dem die politisch-kulturellen
Grundlagen der Demokratie fortlaufend erneuert werden.
Was wir aus dem Karikaturenstreit lernen können
Die Demokratie stellt nicht den Regel-, sondern einen Sonderfall der
Geschichte dar. Sie ist keine „natürliche“ Form der
Vergemeinschaftung, sondern muss – will sie sich dauerhaft reproduzieren – gelebt
und gelernt werden. Auch gefestigte Demokratien können unerwartete
Labilitäten entwickeln. So offenbaren Landtagswahlen vermehrt
niedrige Wahlbeteiligungen junger Menschen und erschreckend hohe Anteile
an Erstwählern, die für rechtsextreme Parteien optieren.
Teilweise fanden sich über 50 Prozent der jüngeren Generation
nicht im demokratischen Parteienspektrum wieder.
Auch die Ereignisse in den französischen Banlieus, im Zusammenhang
mit dem dänischen Karikaturenstreit oder um den Mord an dem niederländischen
Filmemacher von Gogh zeigen, wie schnell die Grundlagen demokratischer
Gesellschaften verunsichert werden können. Der gesellschaftliche
Prozess – hier die Einwanderung und Integration – stellt
Demokratien beständig vor neue Aufgaben, die nicht routiniert
bewältigt werden können.
Für eine fortwährende demokratische Bewusstseinsbildung der
Bürgerinnen und Bürger ist die Politische Bildung unverzichtbar.
Diese Konsensposition niedersächsischer Bildungspolitik wird durch
die Landesregierung Stück für Stück in Frage gestellt.
In den vergangenen Jahren musste die Politische Bildung in Niedersachsen
erhebliche Kürzungen hinnehmen, so dass fraglich erscheint, wie
ihr Bildungsauftrag zukünftig noch erfüllt werden kann.
Wird der Bourgeois zum Bürgerleitbild?
Beispielhaft ist die Schließung der „Niedersächsischen
Landeszentrale für politische Bildung (NLpB)“ zu nennen.
Kein anderes Bundesland ist diesem Schritt gefolgt und die negativen
Folgen für das Land Niedersachsen sind bereits sichtbar. Denn
die vakant gewordenen Aufgaben der Landeszentrale werden sukzessive
durch private Anbieter erbracht, die sich den Kontroversitätsansprüchen
des Faches nicht verpflichtet fühlen.
Aktuelle Pläne der Landesregierung sehen außerdem vor, die
Politische Bildung an den Gymnasien zu halbieren. Es besteht die Gefahr,
dass auf Kosten der Politischen Bildung ein ökonomisches Lernfeld
etabliert wird, dass nicht mehr den „citoyen“, sondern
den „bourgeois“ zum Bürgerleitbild erhebt. Statt grundlegender
Kenntnisse über die Funktionslogik des ökonomischen Systems
im Kontext der Politischen Bildung zu vermitteln, könnte eine
oberflächlich angelegte affirmative Konsumentenlehre Eingang in
das Unterrichtsfach Politik-Wirtschaft finden.
Bislang haben sowohl die Politiklehrer und -lehrerinnen als auch die
Interessenverbände der Politischen Bildung
die Bindestrichbezeichnung „Politik-Wirtschaft“ – wenn
auch mit erheblicher Skepsis – mitgetragen. Schließlich
sollte nach offiziellen Auskünften der ökonomische Lernbereich
unter dem Dach der Politischen Bildung gestärkt werden. Die Anhörfassung
für das Kerncurriculum sieht nun aber vor, dass die Stärkung
des Wirtschaftsbereichs nicht im Kontext, sondern in weiten Teilen
auf Kosten der politischen Bildung umgesetzt werden soll. Die Politische
Bildung macht gerade noch 40 Prozent der curricularen Anteile aus und
wird auf ein Nebenfach der Ökonomie reduziert.
Wenn das Kerncurriculum umgesetzt werden sollte, würde es in Niedersachsen
zukünftig kein eigenes Unterrichtsfach für die Politische
Bildung mehr geben. Diese Gefahr tritt noch deutlicher hervor, wenn
man einen genaueren Blick auf die Verteilung sozialwissenschaftlicher
Lernfelder in den Anregungen für die unterrichtliche Umsetzung
des Kerncurriculums wirft. Ökonomisches Lernen wird in acht der
elf empfohlenen Unterrichtseinheiten angeregt; Politisches Lernen im
engeren Sinne in sechs der elf Einheiten; Soziales Lernen in zwei der
elf Einheiten; Rechtliches Lernen in einer der elf Einheiten. Moralisches
Lernen und historisches Lernen soll laut Kerncurriculum überhaupt
nicht mehr stattfinden.
Das Kerncurriculum konzipiert den Unterricht ähnlich einer traditionellen
Institutionenkunde, die aus der Politik- und Wirtschaftswissenschaft
abgeleitet wird. Es ist fraglich, ob die Zielkategorie der Mündigkeit – verstanden
als eine anwendungsbezogene Kompetenz in Alltagssituationen – dadurch
vermittelt werden kann. Von einem zukunftsweisenden Curriculum wäre
zu erwarten, dass die Erkenntnisse der modernen Politischen Bildungsforschung
berücksichtigt werden. Gerade in der Politischen Bildung der Sekundarstufe
I würde es demnach aber einer problemorientierten didaktischen
Konzeption bedürfen, die das fachliche Lernen im Kontext der Schülervorstellungen
und ihrer Alltagsbezüge aufgreift.
Eine weitere Problematik des Kerncurriculums zeigt sich, wenn man den
Blick auf seine Leerstellen lenkt und danach fragt, was die niedersächsischen
Schülerinnen und Schüler in der Politischen Bildung zukünftig
nicht mehr lernen sollen. Welche Lerngegenstände werden durch
das Primat des Ökonomischen zurückgedrängt?
Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wie das Zusammenleben
in interkulturellen Gesellschaften werden nicht mehr behandelt. Nicht
besser ergeht es dem Problemfeld Rechtsextremismus/Rassismus oder Fragen
der Geschlechtergerechtigkeit. Auch die Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen
Themen wie dem Nationalsozialismus wurde ersatzlos gestrichen. Hier
wäre zu prüfen, ob es mit dem Bildungsauftrag der Politischen
Bildung noch vereinbar ist, wenn solch zentrale gesellschaftspolitische
Problemfelder zu Gunsten der Ökonomieanteile aus dem Fachunterricht
verbannt werden sollen.
Stärkung des Wirtschaftsbereiches auf Kosten der Politischen Bildung
Nun wäre zu vermuten, dass zumindest das politisch-ökonomische
Lernfeld hinreichend behandelt wird. Das ist aber nicht der Fall. Trotz
der Stärkung des ökonomischen Lernfeldes greift die Arbeitsfassung
des Kerncurriculums so wirtschaftsrelevante Themen wie Globalisierung
oder Nachhaltigkeitskonzepte nur unzureichend auf.
Konsequent stellt die Arbeitsfassung die „Ökonomische Bildung“ der „Politischen
Bildung“ als Widerpart gegenüber. Diese Teilung des Unterrichtsfaches
ruft den Verdacht hervor, dass dadurch versucht wird, die Zwei-Fächer-Lösung
wieder neu zu beleben. Das kann nicht funktionieren und würde
das Unterrichtsfach „Politik-Wirtschaft“ schon im Ansatz
zum Scheitern verurteilen.
Die skizzierte Ökonomisierung der Politischen Bildung geht mit
Tendenzen ihrer Privatisierung einher. Mit der ersatzlosen Schließung
der Landeszentrale für politische Bildung hat sich das Land Niedersachsen
weitgehend aus der Verantwortung für die Fort- und Weiterbildung,
die Entwicklung von Bildungsmaterialien und die Vernetzung von Kommunikationsstrukturen
zurückgezogen. Der Bedarf an entsprechenden Angeboten ist auf
Seiten der Politiklehrerinnen und -lehrer aber nach wie vor vorhanden.
Sie sind nun jedoch auf private Anbieter verwiesen. Und auch das öffentliche
Geld, das für den Betrieb der Landeszentrale für politische
Bildung angeblich fehlte, wird nunmehr Anbietern im Bereich der ökonomischen
Bildung zur Verfügung gestellt. Derartige Fördersummen fehlen
der Politischen Bildung gänzlich.
Moralisches und historisches Lernen findet nicht mehr statt
Symptomatisch für diese Entwicklung ist auch, dass führende
Vertreter der ökonomischen Bildung mit dem Verfassen des Kerncurriculums
betraut worden sind, während die Verbände der Politischen
Bildung übergangen wurden.
Nicht viel anders sieht es bezüglich der Bildungsmaterialien für
das politisch-ökonomische Lernfeld aus. Da über die Landeszentrale
keine Medien mehr entwickelt werden, ist der Markt für die Entwicklung
von Unterrichtsmaterialien weitgehend privaten Anbietern überlassen.
So gewinnen in der Politischen Bildung Lernmedien an Gewicht, die auf
Privatinitiative erstellt worden sind und keiner diskursiven Öffentlichkeit
mehr unterliegen. Wirtschaftsunternehmen, Stiftungen, Interessenverbände,
Vereine und Initiativen haben sich des politisch-ökonomischen
Lernfeldes angenommen und bieten ihre Materialien zum größten
Teil kostenlos an. Die Produkte sind von unterschiedlicher Qualität.
Aufgrund der aktuellen Bedarfslage in Niedersachsen besteht aber die
Gefahr, dass auch solche Materialien den Weg in die Politische Bildung
finden, die tendenziös sind und den Kontroversitätsansprüchen
des Faches nicht standhalten.
Normativ ist die Politische Bildung auf die Leitidee des „mündigen
Bürgers“ – der eine grundlegende Voraussetzung einer
demokratischen Gesellschaft darstellt – ausgerichtet. Die Arbeitsfassung
des Kerncurriculums relativiert nun diesen Grundgedanken der Politischen
Bildung, indem sie ihm als Intention die Akzeptanz der marktwirtschaftlichen
Ordnung anheim stellt.
Die normative Gleichsetzung von demokratischer und marktwirtschaftlicher
Ordnung lässt sich aber weder aus dem wissenschaftlichen noch
aus dem gesellschaftlichen Diskurs zwingend ableiten. Sie findet sich
auch nicht im Grundgesetz wieder. Die Akzeptanz der marktwirtschaftlichen
Ordnung sollte dementsprechend auch nicht zum Leitprinzip der Politischen
Bildung in Niedersachsen erhoben werden. Das Leitbild und seine curriculare
Umsetzung erinnern an Werbekampagnen unternehmensnaher Interessengruppen
und könnten dem Unterrichtsfach den Vorwurf der Ideologielastigkeit
einbringen.
Von der Landesregierung ist zu erwarten, dass sich „Politik-Wirtschaft“ an
den bewährten Prinzipien der Politischen Bildung ausrichtet. Als
schulisches Unterrichtsfach muss es ideologiefrei bleiben und darf
nicht zum Handlungsfeld von Wirtschafts- oder anderen Interessenverbänden
werden. Das Verbot der Überwältigung, das Gebot der Kontroversität
und die Befähigung zum kritischen Urteilen und reflektierenden
Handeln sind hierfür wesentlich. Dafür muss ein zukunftsfähiges
Unterrichtsfach „Politik-Wirtschaft“ die verschiedenen
Lernfelder der Politischen Bildung integrieren und nicht unvermittelt
gegeneinander ausspielen.
Akzeptanz der marktwirtschaftlichen Ordnung als Leitprinzip
Zu ihnen zählen
• soziales Lernen, welches die notwendigen Interaktions- und
Kommunikationskompetenzen in einer heterogen zusammengesetzten Gesellschaft
vermittelt,
• moralisch-kulturelles Lernen, welches Wert- und Normvorstellungen
in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen reflektiert,
• ökonomisches Lernen, welches die Vorstellungen über
die Strukturen, Prozesse und Funktionslogiken des Wirtschafts- und
Arbeitslebens entwickelt,
• historisches Lernen, welches die Gewordenheit und die Wandelbarkeit
der gesellschaftlichen Wirklichkeit offenbart und
• politisches Lernen, welches sich mit den Institutionen, Verfahren
und Problemfeldern beschäftigt, durch die innerhalb einer sozialen
Gruppe allgemeine Verbindlichkeiten her- und in Frage gestellt werden.
Prof. Dr. Dirk Lange, Universitätsprofessor für die Didaktik
der Politischen Bildung am Institut für Politikwissenschaft der
Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg, ist Herausgeber der
Zeitschrift „Praxis Politik“ und Bundesvorsitzender der
Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB).